Du hast mit deinem Team geliefert. Fast. Zwei Deals fehlen noch – dann stimmt der Forecast. Dann stimmt dein Ziel. Dann hast du in deiner neuen Führungsrolle gezeigt, was du kannst.
Du hast performt. KPIs gesetzt. Das Team gedrillt. Dich selber gleich mit.
Und jetzt? Jetzt ist Oktober. Und plötzlich passiert etwas, womit du nicht gerechnet hast:
Herakles steht in deinem Büro.
Nicht auf einem Flipchart. Nicht in deinem Büro In deinem Kopf. In deiner Haltung. In deiner Frage: Was tue ich hier eigentlich gerade?
Und hier ist der Button um mit mir in den Austausch zu gehen – für Leute, die meine Meinung toll finden, aber unbedingt auch für Menschen, die hier eine andere, ergänzende oder abweichende Meinung haben. Ich habe nie ausgelernt und freue mich über jeden Austausch!
Vision formuliert. Zahlen getrieben. Und jetzt?
Erinnerst du dich an deinen Start in die neue Rolle? Neue Verantwortung. Neues Team. Erwartungen von oben. Erwartungen von dir selber. Also hast du gemacht, was man macht: Ziele definiert, Klarheit geschaffen, erste Signale gesetzt.
Vielleicht hast du sogar von einer Vision gesprochen. Aber ehrlich: War das wirklich eine Vision – oder eher eine motivierende Art, Zahlen zu verkaufen?
Viele Führungskräfte in neuen Rollen verwechseln das. Vision ist kein Ziel mit KPIs oder Saleszielen. Oder Projekt-Meilensteinen.
Vision ist Richtung. Sinn. Ein emotionales Commitment an etwas, das grösser ist als dein Zielerreichungsgrad.
Und weil das fehlte, bekommst du jetzt genau das zurück: Taktik statt Bindung. Einzelinteressen statt Gemeinschaft. Und dieses leise Gefühl von… wie kann ich diese Ziele doch nur erreichen? Irgendetwas stimmt da nicht…
Willkommen im Herakles-Moment
Die Geschichte ist alt. Und aktueller denn je. Herakles, aus der griechischen Mythologie, jung, kraftvoll, am Anfang seines Weges.
Er trifft auf eine Wegkreuzung. Zwei Gestalten stehen dort: Die eine verspricht ihm Reichtum, Ruhm, schnellen Erfolg – ohne grossen Aufwand. Die andere spricht von Mühe, von Prüfungen, von einem Weg, der nicht einfach ist. Aber der bleibt.
Herakles entscheidet sich für den zweiten Weg. Alles ist immer eine Entscheidung – und was wir an Potenzial haben könnten, wenn wir uns für einen steinigeren Weg entscheiden, ist leider nicht auf den ersten Blick erkennbar. Und deshalb wählen, das zeigt auch die Forschung, immer wieder den einfacheren, bequemeren Weg.
Loss Aversion
Loss Aversion erklärt perfekt, warum viele Führungskräfte trotz innerer Zweifel am reinen KPI-Fokus festhalten: Der potenzielle Gewinn einer visionären, sinnzentrierten Führung ist unsicher und abstrakt – aber der Verlust von Kontrolle, Anerkennung oder Zielerreichung ist konkret und gefürchtet. Und man kennt den Ausgang nicht, wenn man diesen nicht berechnen kann, deshalb wählt man meist den «einfacheren», berechenbaren Weg (Kahneman, D., & Tversky, A. (1979)
Herakles wählt aber den schwierigeren Weg. Nicht aus Pflichtgefühl. Sondern weil er weiss:
Wer Wirkung will, muss wählen. Nicht taktieren.
Und genau das ist dein Moment jetzt. Du stehst nicht an einer Wegkreuzung im Sand. Sondern in deinem Kalender, in deinem Meetingraum, in deinem Leadership-Verständnis.
Zwei Deals fehlen. Du könntest jetzt pushen, kontrollieren, Druck machen.
Oder du nimmst diesen Moment – und machst daraus den Anfang von echter Führung.
Drei Schritte, um jetzt nicht nur zu führen – sondern zu verbinden
1. Erkenne die Taktik – als Antwort auf dein eigenes Führungsverhalten
Wenn dein Team sich zurückzieht, Deals verschiebt, taktisch wird – dann nicht, weil sie „schlecht“ sind. Sondern weil sie gelernt haben, dass Führung bei dir mit Zielen zu tun hat – nicht mit Richtung.
Mit Leistung. Nicht mit Sinn.
Das heisst nicht, dass du versagt hast. Es heisst nur: Jetzt ist der Moment, es anders zu machen.
Frage dich ehrlich: Was habe ich bisher gesendet? Und was will ich eigentlich verkörpern?
2. Sprich aus, was du bisher nicht gesagt hast
Nicht mit Pathos. Nicht mit PowerPoint. Sondern menschlich. Direkt. Klar. Sag deinem Team, dass du gemerkt hast: Die Vision, mit der du gestartet bist, war vielleicht nicht mehr als ein eleganter Zielrahmen.
Dass du dich im Druck verfangen hast. Und dass du jetzt – im vierten Quartal – neu hinschauen willst. Das ist kein Schwächezeichen.
Das ist ein Führungsmoment. Ein echter.
3. Bau jetzt mit deinem Team eine Vision, die trägt – auch über dieses Jahr hinaus
Nein, du wirst die Jahresziele nicht mehr verändern. Ausser du fängst selber an wieder zu taktieren.
Aber du kannst jetzt mit deinem Team anfangen, eine echte Richtung zu entwickeln. Nicht für Q4. Sondern für das, was ihr gemeinsam erreichen wollt, wenn die Zahlen nicht mehr im Weg stehen.
Frag nicht: „Was hilft euch, den Rest des Jahres noch zu liefern?“
Sondern frag: „Wofür wollen wir 2026 gemeinsam stehen – wenn dieser KPI-Zirkus für uns nicht mehr im Mittelpunkt steht?“
Du wirst staunen, was da kommt. Und vielleicht brauchst du dann Herakles nicht mehr als Erinnerung. Sondern als Symbol für das, was du geworden bist.
Du musst nicht liefern. Du darfst entscheiden.
Herakles steht nicht da, um dich zu belehren. Er fragt dich nur: Welchen Weg willst du gehen?
Zwei Deals fehlen. Ja. Aber vielleicht ist das nicht dein Problem. Vielleicht ist das deine Einladung.
Nicht zu einem Coachingprogramm. Sondern zu echter, bewusster, klarer Führung. Für dich. Für dein Team. Für das, was bleibt.
Willkommen in deinem Herakles-Moment. Du weisst, was zu tun ist.
Quellen / Interessante Forschung zum Thema
Daniel H. Pink – Drive: The Surprising Truth About What Motivates Us
Pink beschreibt in Drive, dass traditionelle Motivation (Belohnungen und Bestrafungen) oft wirkungslos oder kontraproduktiv ist. Stattdessen postuliert er drei zentrale intrinsische Motivatoren – Autonomie, Mastery, Zweck – die Menschen nachhaltig antreiben. Teams folgen nicht Zahlen, sie folgen Sinn und Selbstbestimmung.
Pink, Daniel H. (2009). Drive: The Surprising Truth About What Motivates Us. Riverhead Books, 2009.
John Strelecky – The Big Five for Life
John Strelecky führt das Konzept der Big Five for Life ein – also jene fünf Dinge im Leben, für die jemand wirklich leben will. Er argumentiert, dass echte Führung beginnt, wenn Menschen ihre persönlichen Werte mit der Vision eines Unternehmens verbinden. Dieses Modell illustriert, wie Vision nicht abstrakt bleibt, sondern konkret wirkt, wenn sie mit dem „Was zählt mir wirklich?“ verknüpft ist.
Strelecky, John (2008) The Big Five for Life: Leadership’s Greatest Secret.
Daniel Kahneman & Amos Tversky – Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk
Kahneman und Tversky zeigten mit ihrer Prospect Theory (1979), dass Menschen Entscheidungen nicht rational treffen, sondern emotional gewichten. Der Schmerz eines Verlustes wirkt psychologisch stärker als die Freude über einen gleich grossen Gewinn – das nennt man Loss Aversion. In der Führungspraxis erklärt das, warum viele an bestehenden Strukturen und KPI-Systemen festhalten, selbst wenn eine visionärere, mutigere Ausrichtung langfristig mehr bringen würde.
Kahneman, Daniel & Tversky (1979). Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk.


